Jod und Schwangerschaft
Was ist Jod und wofür wird es benötigt?
Jod zählt zu den essentiellen Spurenelementen, die regelmäßig mit der Nahrung zugeführt werden müssen. Jod wird von der Schilddrüse zum Aufbau der Schilddrüsenhormone benötigt. Jodmangelerscheinungen sind Folgen einer unzureichenden Biosynthese von Schilddrüsenhormonen, Den Schilddrüsenhormonen kommen in unserem Organismus wichtige Aufgaben u.a. bei Wachstums- und Differenzierungsvorgängen sowie bei der Stoffwechsel regulation zu,
Empfehlungen für die tägliche Jodzufuhr
Der Jodbedarf ist altersabhängig verschieden hoch. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und das BgVV empfehlen eine tägliche Zufuhr von:
| Alter | Jod (in myg/Tag) |
| Säuglinge | |
| bis 4 Monate | 40 |
| 4 bis 12 Monate | 80 |
| Kinder | |
| 1 bis unter 4 Jahre | 100 |
| 4 bis unter 7 Jahre | 120 |
| 7 bis unter 10 Jahre | 140 |
| 10 bis unter 13 Jahre | 180 |
| 13 bis unter 15 Jahre | 200 |
| Jugendliche und Erwachsene | |
| 15 bis unter 51 Jahre | 200 |
| 51 Jahre und älter | 180 |
| Schwangere | 230 |
| Stillende | 260 |
Ursachen des Jodmangels
Jodmangelerkrankungen gehören weltweit zu den häufigsten Nährstoffmangelerkrankungen. Auch Deutschland zählt aufgrund ungünstiger geologischer Bedingungen zu den endemischen Jodmangelgebieten. Der Jodgehalt der Böden ist als Spätfolge der Auswaschung durch die Eiszeit sehr gering. Dementsprechend ist der Jodmangel keinesfalls nur ein regionales Problem, das sich, wie früher oft angenommen, nur auf das Alpenvorland bezieht,
Generell ist der Jodgehalt der Böden in Deutschland sehr niedrig, so dass auch der Jodgehalt in unseren heimischen Agrarprodukten niedrig ist. Praktische Bedeutung als Jodlieferanten haben nur Seefische und andere Meerestiere sowie -allerdings in geringerem Umfang und in Abhängigkeit von der Art der Tierfütterung -Milch und Milchprodukte, Aufgrund der Jodarmut unserer Nahrung und unserer Essgewohnheiten gelingt es im Regelfall nicht, den täglichen Jodbedarf zu decken.
Bisherige Maßnahmen der Jodversorgung
Zur Verbesserung der Jodversorgung wird in Deutschland jodiertes Speisesalz angeboten, so dass eine individuelle Prophylaxe auf freiwilliger Basis erfolgen kann. Im Durchschnitt sind in 1 kg Jodsalz 20 mg Jod enthalten; mit der Festsetzung dieses Wertes wurde beabsichtigt, durch den täglichen Verzehr von 5 g Salz eine zusätzliche Zufuhr von etwa 100 myg Jod zu ermöglichen.
Seit 1989 ist die Verwendung von Jodsalz in Großküchen und bei der Lebensmittelherstellung möglich. Weitere Maßnahmen zur Verbesserung der Jodversorgung betrafen die Einführung der Sacksalzjodierung und des Jodsiegels.
Jodversorgung: Diskrepanz zwischen durchschnittlicher Aufnahme und wünschenswerter Zufuhr
Wie die Ergebnisse des im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit als repräsentative Verbundsstudie durchgeführten Jod-Monitorings 1996 zeigen, besteht in Deutschland bevölkerungsweit ein Jodmangel Grad I. Die Jodmenge, die bei uns über die tägliche Nahrung aufgenommen wird, beträgt durchschnittlich etwa 119 myg. Wenngleich sich die Jodzufuhr im Vergleich zur Situation vor 20 Jahren deutlich verbessert hat, besteht im Vergleich zu den Zufuhrempfehlungen nach wie vor ein inakzeptabel hohes Defizit. Erheblich sind die Zufuhrdefizite (ca. 40-50%) von Wöchnerinnen.
Zur Erfassung des Jodstatus sind die Messung der Schilddrüsengröße und die Jodausscheidung im Urin die am häufigsten verwendeten Parameter. Die Jodausscheidung im Urin ist eng mit der Jodzufuhr korreliert und kann deshalb als Maß für die Jodversorgung herangezogen werden. Etwa 80% des alimentär aufgenommenen Jods erscheinen im Urin. Nach den Kriterien der WHO besteht eine ausreichende Jodversorgung bei einer Jodurie von> 100 myg/g Kreatinin, von> 10 myg/dl bzw. > 150 myg/Tag.
Die renale Jodexkretion der Neugeborenen spiegelt die mangelnde Versorgungssituation der Mütter wider. Die im Jod-Monitoring bei Neugeborenen durchgeführten Untersuchungen erbrachten in der überwiegenden Zahl eindeutig zu niedrige Werte (Median: <5,6 myg/dl). Neugeborene mit ausreichender Jodversorgung haben dagegen eine Jodausscheidung von über 10 myg/dl.
Die Höhe der Jodausscheidung bei Neugeborenen war u.a. von der Einnahme von Jodtabletten durch die Mutter abhängig. Allerdings wiesen auch die Neugeborenen von Müttern, die eine Jodtablettenprophylaxe durchgeführt hatten, keine voll befriedigende Jodversorgung auf (Median: 8,6 myg/dl).
Besondere Risikogruppen: Ursachen und Gründe
Eine besondere Bedeutung hat die ausreichende Jodversorgung während der Schwangerschaft und Stillzeit, da in diesen Zeiten sowohl der Jodbedarf der Mutter als auch der des Kindes sichergestellt werden muss.
Der erhöhte Jodbedarf in der Schwangerschaft hat mehrere Ursachen. Er ist u.a. auf eine Steigerung des mütterlichen Grundumsatzes, eine Vergrößerung des Jodverteilungsraumes und eine vermehrte renale Elimination zurückzuführen. Zusätzlich steigt infolge einer östrogenbedingten Vermehrung des Thyroxin-bindendenGlobulins (TBG) im Serum die Bindungskapazität für Schilddrüsenhormone an, so dass es über den Regelmechanismus zu einer vermehrten Sekretion des Thyreoidea-stimulierenden-Hormons (TSH) mit erneutem Strumawachstum kommen kann. Daneben fängt die fetale Schilddrüse etwa in der 12. Schwangerschaftswoche selbst an, Hormone zu synthetisieren. Das hierzu benötigte Jod muss der fetale Organismus aus dem mütterlichen Jodpool beziehen.
Auch in der Stillzeit ist der mütterliche Organismus auf eine erhöhte Jodzufuhr angewiesen. Die Ursachen liegen in der Aufrechterhaltung der eigenen Stoffwechselaktivität und in der Sicherstellung einer ausreichenden Jodversorgung des Säuglings über die Muttermilch. Ein Jodmangel der Mutter führt auch zu jodarmer Frauenmilch; ein mütterlicher Jodmangel wird also nicht nur an den Feten, sondern auch an den gestillten Säugling weitergegeben.
Besonders ausgeprägt kann eine unzureichende Jodversorgung auch bei Personengruppen mit einem speziellen Ernährungsverhalten sein (z.B. Vegetarier, sofern sie keinen Seefisch und keine Milchprodukte verzehren).
Folgen des Jodmangels für die Mutter
Die häufigste und bekannteste Folge des Jodmangels ist die Entwicklung einer Struma, die im Volksmund auch als Kropf bezeichnet wird. Mit der Einschränkung, dass auch in Jodmangelgebieten spezielle strumafördernde Substanzen (in Nahrung, Wasser, Medikamenten) oder in den Erbanlagen verankerte Jodfehlverwertungsstörungen als Ursache für die Kropfentwicklung in Betracht kommen können, stellt der Jodmangel die Hauptursache der endemischen Struma dar.
Die Schilddrüsenvergrößerung ist als Kompensationsmechanismus zu verstehen, über den der Körper versucht, den Jod- und daraus resultierenden Schilddrüsenhormonmangel durch eine Vermehrung des hormonproduzierenden Gewebes auszugleichen. Ab einer bestimmten Ausdehnung kann diese Schilddrüsenveränderung zu Druck- und Kompressionserscheinungen, einem Engegefühl sowie Atem- und Schluckbeschwerden führen. Durch Umbauvorgänge kann sich die Gewebestruktur der Schilddrüse verändern. Es können sich z.B. funktionslose Areale entwickeln oder sog. autonome Bezirke entstehen, die unkontrolliert und nicht bedarfsangepasst Schilddrüsenhormone abgeben und somit zur Schilddrüsenüberfunktion führen können.
Ein Kropf kann prinzipiell in jedem Lebensalter entstehen. Meistens entwickelt er sich bereits vor dem 20. Lebensjahr. Häufig wird in der Schwangerschaft ein bisher "verborgener" Kropf erst größer und bemerkbar oder aber eine bereits vorhandene Struma verschlimmert sich. Auch die bei Schwangeren und Wöchnerinnen erhöhte Hypothyreoserate lässt auf einen erheblichen Jodmangel in der Schwangerschaft schließen.
Der "Kropf" ist aber nicht die einzige Jodmangelerscheinung. Wenig bekannt und daher nicht beachtet wird die Tatsache, dass auch Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten und eine generelle Leistungsminderung auf einen Jodmangel zurückzuführen sein können, unabhängig davon, ob ein Kropf besteht oder nicht. Die Bedeutung des Jodmangels für die Entstehung dieser wenig auffälligen und unspezifischen Jodmangelerscheinungen ist schwer abzuschätzen. Insgesamt sind sie jedoch weit häufiger anzutreffen als das Vollbild einer erworbenen
Schilddrüsenunterfunktion. Letztere ist u.a. durch folgende Beschwerden gekennzeichnet: Konzentrationsschwäche, depressive Verstimmung, Obstipation, verminderte Kältetoleranz, trockene und teigige Haut, Gewichtszunahme, verlangsamte Reflexe. Die jodmangelbedingte Hypothyreose kann auch Ursache einer
Unfruchtbarkeit sein.
Gefährdung des Feten und des Neugeborenen durch Jodmangel
Jodmangel in der Schwangerschaft ist mit einer erhöhten Rate an Fehl- und Totgeburten sowie Fehlbildungen assoziiert. Die fetale Schilddrüsenfunktion, aber auch die frühkindliche Entwicklung des zentralen Nervensystems, Körperwachstum und -reifung sind von einer ausreichenden Jodversorgung abhängig.
Jodmangel des Feten ist durch den Jodmangel der Mutter bedingt. Insbesondere bei Schwangeren, die schon an einem Jodmangelkropf leiden, besteht die Gefahr, dass auch ihre Kinder von den Folgen eines Jodmangels betroffen sind, und zwar bereits im Mutterleib. Wird dem Feten nicht genügend Jod zur Verfügung gestellt, so kann sich dessen Schilddrüse vergrößern. Bis vor wenigen Jahren kamen deshalb mehr als 1 % aller Neugeborenen in Deutschland schon mit einem "Kropf" zur Welt. Bereits eine geringe Vergrößerung der Schilddrüse kann unmittelbar nach der Geburt zu Atemstörungen und Schluckbeschwerden des Babys führen. Bei einem Teil der Neugeborenen können zusätzlich das Wachstum, die Knochenreifung und die Gehirnentwicklung zurückgeblieben sein. Das Vollbild dieser Erkrankung bei schwerstem Jodmangel wird als Kretinismus bezeichnet. Zumindest die geistigen Entwicklungsstörungen sind selbst bei frühzeitigem Behandlungsbeginn nach der Geburt mit Schilddrüsenhormonen in der Regel nicht mehr reversibel. Durch eine ausreichende Jodversorgung der Mutter in der Schwangerschaft lassen sich diese Folgen verhindern.
Aber auch nach der Entbindung ist die geistige und körperliche Entwicklung des Säuglings von einer normalen Schilddrüsenfunktion und einer ausreichenden Jodzufuhr abhängig. Da die Jodkonzentration in der Frauenmilch vom Jodversorgungszustand der Mutter abhängig ist, wird ein Jodmangel der Mutter auch nach der Geburt auf den gestillten Säugling übertragen. Die bei ausreichender Jodversorgung vermeidbaren geistigen und körperlichen Entwicklungsstörungen können sich verstärken.
Jodprophylaxe in der Schwangerschaft und Stillzeit
In der Schwangerschaft ist die Jodprophylaxe besonders wichtig. Sie muss den erhöhten Bedarf in der Schwangerschaft berücksichtigen. Der Fetus und der Säugling reagieren sehr empfindlich auf einen Jodmangel, so dass eine Verbesserung der Jodversorgung der werdenden und stillenden Mutter eine vordringliche Aufgabe im Bereich des vorbeugenden Gesundheitsschutzes darstellt. Es ist hinreichend bekannt, dass durch Jodbehandlung der Schwangeren eine Prävention der Jodmangelschäden beim Kind möglich ist.
Es ist davon auszugehen, dass in vielen Fällen bereits vor der Schwangerschaft ein relativer Jodmangel vorliegt, der sich infolge des Mehrbedarfs während der Gravidität und der Stillperiode noch erhöht bzw. erstmals manifest wird. Auch die gegen Ende der Schwangerschaft und post partum zunehmende Strumainzidenz weist darauf hin, dass die Jodversorgung nicht ausreichend ist. Eine generelle Jodsubstitution während der Schwangerschaft und der Laktationsperiode muss also gefordert werden, denn: Jodmangelerkrankungen sind unnötig und vermeidbar.
Auf jeden Fall sollten Schwangere und stillende Mütter zur Sicherung der Jodversorgung im Haushalt nur jodiertes Speisesalz verwenden und beim Einkauf von Lebensmitteln diejenigen bevorzugen, bei deren Herstellung Jodsalz verwendet wurde oder die von Natur aus jodhaltiger sind. Die Verwendung von Meersalz ist keine effektive Maßnahme zur Jodsubstitution, da Meersalz jodarm ist. Häufig kann bei Vorliegen eines Hypertonus oder der Neigung zur Flüssigkeitsretention im Körper (z.B. in Form von Unterschenkelödemen) eine Kochsalzrestriktion angezeigt sein, so dass alternative Jodquellen gesucht werden müssen. In diesen Fällen bietet sich die Verwendung von jodiertem Kochsalzersatz an Darüber hinaus stehen zur Verbesserung der Jodversorgung u.a. Jodidtabletten zur Verfügung.
Wie die Erfahrungen zeigen, gelingt es auch unter Berücksichtigung obiger Empfehlungen in aller Regel nicht, das Defizit auszugleichen. Im Jod-Monitoring gaben lediglich 21 % der untersuchten Stillenden an, regelmäßig Jodtabletten einzunehmen. Doch auch diese Prophylaxe führte im Durchschnitt zu keiner ausreichenden Versorgung [tägliche Jodzufuhr a) ohne Tabletten: 125 myg, b) mit Tabletten: 162 myg].
Offiziell wird deshalb eine möglichst gute Jodversorgung über Grundnahrungsmittel plus 100 (-200) myg Jod/Tag in Tablettenform empfohlen. Die zusätzliche Jodzufuhr sollte auch nach der Entbindung für die Dauer der Stillzeit fortgesetzt werden, damit der Säugling über die Muttermilch ausreichend Jod erhält. Kinder, die nicht gestillt werden, erhalten über die in Deutschland angebotene Säuglingsnahrung genügend Jod. Die Mutterschafts-Richtlinien sehen vor, dass der Arzt die Schwangere angemessen berät.
Risiken und Kontraindikationen der Jodprophylaxe
Durch die zusätzliche Zufuhr der empfohlenen durchschnittlichen Jodmenge von 200 myg pro Tag sind keine gesundheitlichen Risiken zu erwarten. Die Gefahr, dass durch diese Maßnahmen zu viel Jod aufgenommen wird, ist in der Regel gering, da der Organismus das nichtbenötigte Jod über die Nieren ausscheidet. Eine Schilddrüsenüberfunktion bei latent vorhandener Schilddrüsenautonomie wird in der Regel erst durch unphysiologisch hohe Joddosen, die weit im Milligramm-Bereich liegen, ausgelöst.
Bei Verdacht auf eine bestehende Überfunktion bzw. Unterfunktion der Schilddrüse sollte vor jeder Form der Jodsubstituierung eine weiterführende Diagnostik erfolgen. Basierend auf diesen Untersuchungen kann die individuelle Dosierung abgestimmt und falls erforderlich, eine zusätzliche Therapie mit Schilddrüsenhormonen (die in der Schwangerschaft nicht kontraindiziert sind) eingeleitet werden. Die einzige Kontraindikation für eine Jodsubstitution mit Tabletten (nicht aber Jodsalz) stellt eine im Fertilitätsalter relativ selten vorkommende ausgeprägte Überfunktion der Schilddrüse dar, die durch eine angemessene Diagnostik ausgeschlossen werden kann.
Jodunverträglichkeiten, die allergischen Reaktionen ähneln, sind durch die beschriebenen und vom Organismus benötigten physiologischen Mengen nicht zu erwarten.
Fazit: Die Forderung nach einer Jodmangelprophylaxe in der Bundesrepublik Deutschland gilt insbesondere für Frauen während der Schwangerschaft und Stillzeit. Die durch alimentären Jodmangel induzierten Krankheitsbilder sind überflüssig und vermeidbar.
Zur unabdingbaren Prophylaxe gehören folgende Maßnahmen:
1. Ausschließliche Verwendung von jodiertem Speisesalz bzw. jodiertem Kochsalzersatz im Haushalt;
2. Bevorzugung der unter Verwendung von jodiertem Speisesalz hergestellten Lebensmittel, insbesondere Brot und Fleischwaren;
3. Regelmäßiger Verzehr von Seefisch und Milch;
4. Tägliche Substitution von 100-200 myg Jod (z.B. in Tablettenform);
5. Jodtabletten zur Jodprophylaxe in der Schwangerschaft können zu Lasten der gesetzlichen Krankenkasse rezeptiert werden.
Herausgegeben vom Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)